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3. Türchen – Geschichte: Advent, Advent…

Schon den ganzen Morgen war Gabriele damit beschäftigt, die Utensilien für den ersten Adventsonntag vorzubereiten. Dieses turbulente und verrückte Jahr näherte sich seinem Ende und ihre Kinder Martin und Nina wollten unbedingt ihren eigenen Adventkranz basteln. Fröhlich trällerte Nina: „Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann steht das Christkind vor der Tür.“ Das neunjährige Mädchen trug ein paar Tannenzweige zu dem spontan zum Basteltisch umfunktionierten Esstisch. Ihr drei Jahre älterer Bruder Martin grinste schelmisch und fügte hinzu: „Und, wenn die fünfte Kerze brennt, dann hast du Weihnachten verpennt!“ Beide kicherten. Langsam war kein Platz mehr am Tisch, besonders als Papa Lukas den großen Strohring brachte. Hippelig klatschte Nina vor Vorfreude und kniete sich auf einen der Stühle, um den Tisch gut überblicken zu können.

Im Gegensatz zu ihren energiegeladenen Kindern gähnte Gabriele. „Alle Jahre wieder,“ entfleuchte es ihr. Unterstützend umarmte Lukas seine Frau und gab ihr ein aufmunterndes Küsschen auf die Wange. „Der Kaffee sollte bald fertig sein, möchtest du noch irgendetwas dazu?“ Wie frisch verliebt massierte er ihr die Schultern.

Martin und Nina starrten ihren Papa mit scharfen Blicken an. „Und wo bleibt unser Kakao, Papa?“, beschwerte sich Martin. „Ja Papa,“ setzte Nina an, „du hast uns Frühstück versprochen!“

Amüsiert genoss Gabriele die Forderungen ihrer Kinder – sonst war sie es, die ständig alles erledigen musste. „Ja Papa, kümmere dich um das Frühstück!“ Zwar immer noch müde, doch motiviert von ihren beiden Helden, sagt sie: „Und wir werden uns um den Adventkranz kümmern! Schließlich wird heute die erste große Kerze angezündet!“

„Ja!“, jubelten die beiden Geschwister. Mit grünem Draht und etwas Fingerspitzengefühl befestigte Martin die von Gabriele zurechtgeschnittenen Tannenzweige am Strohring, während Nina die Dekoration aus den vielen Kartons zusammensuchte. Dabei fiel der jungen Dame etwas höchst Ungewöhnliches auf: „Mama, warum sind hier so viele kleine Kerzen? Brauchen wir nicht nur vier?“

So als ob ein großes Geheimnis gelüftet würde, beugte sich Gabriele über den Strohkranz und flüsterte: „Weil wir einen ganz besonderen Adventkranz basteln! Wir brauchen vier große und zweiundzwanzig kleine Kerzen. Ab heute werden wir jeden Tag eine weitere Kerze anzünden, bis das Christkind kommt.“ Sie freute sich selbst, denn als Kind wünschte sie sich das auch ständig von ihrer Großmutter.

„Wow,“ entfuhr es beiden Kindern. „Darum so ein großer Kranz!“, ergab sich für Martin, der immer weiter die kleinen Zweige am Strohring befestigte. „Das wird voll schön leuchten!“

Hoch konzentriert starrte Nina die vielen Kerzen an. Innerlich leuchtete sie bereits so hell wie der Adventkranz am 24. Dezember.

(Bild: iStock/894760224/Mandy Cherundolo)

Gabriele griff ihrem Sohn noch helfend unter die Arme, so wandelte sich der gelbe Kranz schnell in einen immergrünen Halbkreis. Lukas schaffte es mittlerweile, ihr morgendliches Quarantäne-Ritual am Couchtisch vorzubereiten. „Das Essen ist serviert meine Lieben!“ Die Kinder liefen wild durch den Raum und platzierten sich sofort am Teppichboden. Gabriele sah sich das Festmahl erstmals von der Ferne an. Sich selbst ertappend, dass er seine Frau anstarrte, in der Hoffnung gelobt zu werden, wandte sich Lukas ab und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.

Dieses sich ständig wiederholende Phänomen genießend, küsste Gabriele ihr erwachsenes drittes Kind: „Es duftet herrlich.“ Sich an seine Schulter lehnend, bemerkte sie den aufsteigenden unwiderstehliche Duft aus Kaffee, Kakao und gebratenem Speck mit Spiegelei. „Du hast dich ja richtig ins Zeug gelegt, es gibt sogar geschmortes Gemüse.“, lobte sie ihren Mann weiter. 

Wie in den letzten beiden Wochen ihres zwangsläufigen ständigen Beisammenseins schafften sie es, sich trotz der aktuellen Weltgeschehnisse auf Weihnachten zu freuen. Die wohl sinnlichste Zeit des Jahres war zwar im Schatten der globalen Katastrophe, doch ihre Herzen sehnten sich, wie bei vielen anderen Menschen nach den altgewohnten Traditionen der Weihnachtszeit. Bevor sie sich zu ihrer Familie gesellte, holte Gabriele die alte Duftkerze aus der Glasvitrine und zündete sie an, sofort verströmte diese den Duft von Zimt und zarter Vanille.

Die beiden Geschwister grinsten sich freudig an, bald würde ihr superschöner Adventkranz für sie leuchten! Innerlich bebten sie voller Vorfreude. Nach der Stärkung ging es sofort wieder an die Fertigstellung des Adventkranzes und Gabriele begann ihren Kindern von dieser speziellen Art des Adventkranzes zu erzählen.

 „Wisst ihr, schon vor 181 Jahren wurden Adventkränze mit ganz vielen Kerzen gemacht. Der erste seiner Art wurde von Johann Hinrich Wichern für die Waisenkinder gemacht, damit sie ebenfalls die Tage bis Weihnachten zählen und abwarten konnten.“ Mit beiden Händen zeichnete sie einen großen Kreis in die Luft und schildert weiter: „Johann Wichern benutzte damals ein Wagenrad – und als lehrreicher Nebeneffekt lernten die Kinder dadurch das Zählen. Darum wird der Adventkranz, den wir heute basteln, Wichernscher Adventkranz genannt und wird als Urform aller Adventkränze bezeichnet.“

Die Tannenzweige fertig angebracht, blickten alle auf den dunkelgrünen, herrlich duftenden Adventkranz hinab – nun wurde er noch bedeutungsvoller. Beflügelt von der Geschichte, wollte Nina noch mehr erfahren: „Weißt du noch mehr über den Adventkranz Mama? Warum ist er rund und warum benutzt man Tannenzweige?“ Sie schob die Kiste mit den Kerzenhaltern vor.

Präzise steckte Gabriele die silbernen Kerzenhalter in exakt gleichen Abständen rundherum in den Kranz. Diesmal ergriff Lukas das Wort und bannte die Aufmerksamkeit seiner süßen Kinder. „Natürlich gibt es noch mehr über unsere Tradition zu erzählen!“, feuerte er die Stimmung an. „Der Adventkranz versteckt viele Bedeutungen. Nur wenn wir ganz genau hinsehen, können wir die versteckten und doch offensichtlichen Hinweise dazu finden.“ 

Als wäre es eine Verschwörung, legte er seine Arme um die Schultern beider Kinder und fuhr geheimnisvoll fort: „Die runde Form steht für die Ewigkeit, es gibt keinen Anfang und kein Ende, er ist endlos.“ Dann nahm er einen der immergrünen Tannenzweige vom Tisch und hielt ihn Nina hin. „Auch das hier hat eine wichtige Bedeutung, die ganz essenziell für Weihnachten steht.“

Nun war auch Gabriele gespannt, denn eigentlich war ihr Mann nicht so der große Geschichtenerzähler und diesbezüglich recht untalentiert, doch es machte ihr Spaß, ihm zuzusehen, wie er die Kinder unterhielt. 

(Bild: iStock, 485796792/Valengilda)

„Ihr wisst bestimmt, dass Tannen das ganze Jahr über grün sind. Ihre Nadeln halten sich ewig an den Ästen der großen Bäume, noch dazu duftet ihr Harz typisch nach Wald. Diese Eigenschaften veranlassten Menschen jeden Zeitalters dazu, diesem wundervollen Baum viele Sagen und Märchen zuzusprechen. Zum Beispiel symbolisiert er die unvergängliche Farbe des Lebens, weil Grün Leben bedeutet.“

„Und was bedeuten dann die Kerzen?“, fragte Martin seinen Papa. Dieser wusste jetzt aber nicht mehr, was er sagen sollte, so weit hatte er sich nicht in die Materie eingelesen und sah etwas unbeholfen zu seiner Frau. Den Hilferuf wahrnehmend schüttelte sie lächelnd den Kopf und übernahm wieder das Wort. 

„Bei den Kerzen ist es nicht so einfach, es gibt unterschiedliche Anschauungen, was ihre Bedeutung anbelangt. In manchen Teilen der Welt werden vier verschiedene Farben verwendet, wobei jede eine andere Jahreszeit symbolisiert. Hier bei uns deuten die zunehmend leuchtenden Kerzen auf die immer mehr werdende Vorfreude hin. Bei uns freut man sich auf die baldige Geburt Jesus Christus, der auch als ‚Licht der Welt‘ bezeichnet wird. In manchen Teilen Italiens werden sogar sechs Kerzen am Adventkranz befestigt, da dort die Adventzeit sechs Wochen beträgt. Aber nicht nur das – viele sehen darin die zunehmende Wärme und Geborgenheit innerhalb der Familie, die sich auf den Höhepunkt der besinnlichen Winterzeit freut. Wieder andere sehen darin die ständig mehr werdende Liebe und Zuneigung unter den Menschen, die sich nahe sind.“ 

Gezielt pickte sich Gabriele eine golden bemalte Walnuss aus einer der Deko-Boxen. „Es gäbe noch so viele Geschichten zu erzählen, doch wo bliebe der Spaß, wenn ich euch alle sofort verraten würde?“, ergänzt sie grinsend. „Das ist gemein Mama!“, beschwerte sich Nina. „Ja, warum verheimlichst du uns etwas! Du kannst es ruhig jetzt schon erzählen!“, versuchte Martin ihr mehr zu entlocken.

„Warum hörst du auf? Ich will wissen, was es mit dem Adventkranz hier noch so auf sich hat!“, forderte sie nun auch Lukas auf, mehr zu erzählen. Erfüllt durch die unbändige Liebe ihrer ‚drei‘ Kinder, schenkte Gabriele ihnen ihr schönstes Lächeln und zuckte dennoch unnachgiebig mit den Schultern. „Weil wir bereits fertig sind mit unserem Adventkranz und noch ganz viele Tage übrig sind, bis wir Weihnachten feiern.“ 

Leichten Schrittes ging sie zu der fordernden Meute und drückte sie fest an sich. „Mit jedem neuen Kerzenschein werde ich euch ein weiteres Weihnachtsgeheimnis erzählen. Wie klingt das?“

„Ja!“, stimmten alle drei mit ein und freuten sich schon auf den nächsten Tag. Jeder rätselte im Geheimen für sich, um was es sich wohl bei der nächsten Geschichte handeln wird.

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