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Der Hippokratische Eid – Ärztliche Ideale im Wandel der Zeit

Hippokrates (Bild: iStock, 531507715/Yoeml)

Hippokrates von Kos gilt als der bedeutendste Arzt des Altertums und ist der Namensgeber des Hippokratischen Eids. In diesem Eid spiegelten sich die Ideale der Ärzte in der Vergangenheit wider. Heute ist der Eid zur „Genfer Deklaration“ modernisiert worden und ist ein Zeugnis der unterschiedlichen Sichtweisen auf die Ethik des Arztberufes im Wandel der Zeit.  

Hippokrates von Kos ist einer der bedeutendsten Ärzte des Altertums und gilt gleichzeitig als Begründer der „rational-empirischen“ – also der „wissenschaftlichen“ Medizin. Zeitgenossen wie Aristoteles oder Platon sprachen anerkennend über Hippokrates, einem „großen Arzt“, von dem jedoch nur wenig autobiografische Informationen verfügbar sind.

Laut den vorhandenen Aufzeichnungen stammte Hippokrates aus einer griechischen Arztfamilie, deren Geschlecht auf die Asklepiaden zurückging. Dies bezeichnete Personen, die Priester und Jünger des Heilgottes Asklepios waren oder die in manchen Schriften respektvoll sogar Nachkommen des Asklepios genannt wurden.

Asklepios galt in der griechischen Mythologie als Gott der Medizin. Er sei jedoch als sterblicher Mensch geboren und habe erst für seinen Einsatz beim Ausüben der heilenden Künste schließlich von den Gottheiten die Unsterblichkeit geschenkt bekommen.

Die Asklepiaden übten ärztliche Behandlungen in und außerhalb von Tempeln im Dienst und nach dem Vorbild von Asklepios aus.

Obwohl Asklepios als Stammvater der Asklepiaden personalisiert wird, ist der eigentliche Gott der hippokratischen Ärzte in Aufzeichnungen nicht als personalisiertes Wesen beschrieben, sondern vielmehr als ein zugrunde liegendes göttliches Wirkprinzip. Dieses göttliche Wirkprinzip wurde damals als „Natur“ bezeichnet. Somit war das Verständnis von sogenannten „Naturkräften“ oder „Naturgesetzen“ zur Zeit von Hippokrates ganz anders als unser heutiges Verständnis dieser Begriffe.

Krankheiten befallen uns nicht aus heiterem Himmel, sondern entwickeln sich aus täglichen Sünden wider die Natur. Wenn sich diese gehäuft haben, brechen sie unversehens hervor.“

Hippokrates von Kos, 460 – etwa 377 v. Chr.

Bis zur Zeit Hippokrates wurden die Geheimnisse der Heilkunst in Griechenland keinen Fremden, sondern nur innerhalb der Familien der Asklepiaden weitergegeben. Als Sohn einer solchen Familie wurde der junge Hippokrates schon früh von seinem Vater und anderen berühmten Gelehrten des Altertums unterwiesen. Darunter auch von dem Philosophen Demokrit, der als Begründer der Atomtheorie gilt.

Wissenschaft und der Glaube an das Göttliche

Obwohl Hippokrates heute als Begründer der wissenschaftlichen, rationalen Medizin gilt, war sein eigenes Verständnis von Heilkunst tief mit dem Glauben an das Göttliche und göttliche Grundkonzepte verbunden.

„Der wahre Arzt beugt sich ehrfurchtsvoll vor der Gottheit. Denn in der ärztlichen Kunst steckt keine Kraft, die übernatürlich wäre.“

Hippokrates von Kos, 460 – etwa 377 v. Chr.
Asclepius (Lat. Aesculapius) – Gott der Gesundheit und Medizin (Bild: iStock, Zwiebackesser/468516302)

Hippokrates und die ihm nachfolgenden sogenannten „Hippokratischen Ärzte“ legten großen Wert auf die Beobachtung der Krankheitszeichen und deren Ursachen. Sie bildeten Theorien und Konzepte, die sich mit dem Geschehen im Körperinneren, der Bewegung der Körpersäfte und dem Zusammenhang mit äußeren Einflüssen wie Lebensstil und Ernährung beschäftigten.

Daraus entwickelte sich das heutige Konzept der Prognose, Diagnose und Therapie.

Im Gegensatz zu den noch älteren Formen von Medizin, wie aus dem altertümlichen Ägypten oder Mesopotamien, sprach die hippokratische Medizin nicht von Dämonen und ähnlichen Wesen, die Menschen krank machen würden und ausgetrieben werden konnten. Sie fokussierten sich auf den menschlichen Körper, wie dessen Heilkräfte aktiviert werden können, wie er sich der „Natur“ anpassen kann und was der Patient selbst dazu beitragen kann.

„Nicht der Arzt heilt die Krankheit, sondern der Körper heilt die Krankheit. Nicht wir – die Naturkräfte sind die Ärzte.“

Hippokrates von Kos, 460 – etwa 377 v. Chr.

Zudem wurde in der hippokratischen Medizin dazu ermutigt, Kranke in Tempel zu bringen und zu beten. Ein wichtiger Aspekt war auch dem Kranken zu helfen, die Ursache der Krankheit zu verstehen und eine Bereitschaft zu erreichen, dass der Patient das aufgibt, was ihn krank macht.

„Die Menschen werden krank, weil sie aus Torheit alles tun, um nicht gesund zu bleiben.“ –

Hippokrates von Kos 460 – etwa 377 v. Chr.

Laut Hippokrates waren viele Krankheiten durch Ruhe und Enthaltsamkeit zu heilen. Zur gleichen Zeit war ihm aber auch bewusst, dass der Geist des Menschen ebenfalls in der Lage ist, den Körper zu heilen.

„Es ist vernünftig, von einem Arzt zu erwarten, dass er vor der Macht des Geistes, Krankheiten zu überwinden, Achtung hat.“

Hippokrates von Kos 460 – etwa 377 v. Chr.

Die ärztliche Gesinnungsethik

Zusätzlich zum Wissen über Pharmakotherapie und Chirurgie war für hippokratische Ärzte die „Deontologie“ – die sogenannte „Gesinnungsethik“ ein wichtiger Aspekt des Arztberufes.

So sollen laut Hippokrates für das Studium der Medizin folgende Voraussetzungen notwendig gewesen sein:

Wer sich die Kenntnis der Medizin gründlich aneignen will, der muss folgender Dinge teilhaftig werden: der natürlichen Anlage, des Unterrichts, und zwar von Jugend auf, der Lust zur Arbeit, und genügender Zeit.

Das Wichtigste vor allem ist die natürliche Anlage. Wo die fehlt, ist alles umsonst. Wo sie aber die richtige Führung hat, da wird sie zur Lehrmeisterin der Wissenschaft. Weiter bedarf es der Lust zur Arbeit, und zwar mit Ausdauer. Denn Unerfahrenheit ist ein schlechter Schatz für die, die sie besitzen, und die Nährmutter der Feigheit und der Frechheit. Feig ist der Schwache und frech der Nichtskönner.“

Hippokrates von Kos, 460 – etwa 377 v. Chr.
Hippokratischer Eid auf einem byzantinischen Manuskript des 12. Jahrhunderts

Ebenso sollen hippokratische Ärzte zur Selbstreflexion angeleitet worden sein. Dies inkludierte das Erscheinungsbild des Arztes, seine Interaktion mit Patienten und deren Angehörigen, sein Auftreten in der Öffentlichkeit sowie die Interaktion mit ärztlichen Kollegen. Ärzte sollten zudem bescheiden sein und das Vermögen besitzen „Fehler und Irrtümer im eigenen Handeln zu erkennen und für neue Erkenntnisse nutzbar zu machen“.

„Zweierlei gibt es, Wissenschaft und Einbildung, erstere führt zum Wissen, letztere zum Nichtwissen.“

Hippokrates von Kos, 460 – etwa 377 v. Chr.

Der Hippokratische Eid

Zwar gilt Hippokrates als Namensgeber des Eides, jedoch ist historisch nicht belegt, ob dieser auch aus dessen Feder stammt oder einfach nur Prinzipien der hippokratischen Ärzte in dem Schwur zusammengefasst wurden. Jedenfalls wurde der Eid teilweise bis 1804 von Absolventen von Medizinischen Hochschulen unverändert geleistet.

Die zu Beginn des Eides erwähnten Gottheiten sind Apollon (Gott des Lichts, der Heilung, der sittlichen Reinheit und Mäßigung sowie der Weissagung und der Künste), Asklepios, der durch seine Verdienste in der Heilkunst göttliche Unsterblichkeit erlangte, Hygieia, die Göttin der Sauberkeit und Panakeia, die Göttin des Allheilmittels.

Der vollständige Eid lautete:

Ich schwöre, Apollon den Arzt und Asklepios und Hygieia und Panakeia und alle Götter und Göttinnen zu Zeugen anrufend, dass ich nach bestem Vermögen und Urteil diesen Eid und diese Verpflichtung erfüllen werde: den, der mich diese Kunst lehrte, meinen Eltern gleich zu achten, mit ihm den Lebensunterhalt zu teilen und ihn, wenn er Not leidet, mitzuversorgen; seine Nachkommen meinen Brüdern gleichzustellen und, wenn sie es wünschen, sie diese Kunst zu lehren ohne Entgelt und ohne Vertrag; Ratschlag und Vorlesung und alle übrige Belehrung meinen und meines Lehrers Söhnen mitzuteilen, wie auch den Schülern, die nach ärztlichem Brauch durch den Vertrag gebunden und durch den Eid verpflichtet sind, sonst aber niemandem.
Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil; ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht. Ich werde niemandem, auch nicht auf seine Bitte hin, ein tödliches Gift verabreichen oder auch nur dazu raten. Auch werde ich nie einer Frau ein Abtreibungsmittel geben. Heilig und rein werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren. Auch werde ich den Blasenstein nicht operieren, sondern es denen überlassen, deren Gewerbe dies ist. Welche Häuser ich betreten werde, ich will zu Nutz und Frommen der Kranken eintreten, mich enthalten jedes willkürlichen Unrechtes und jeder anderen Schädigung, auch aller Werke der Wollust an den Leibern von Frauen und Männern, Freien und Sklaven.
Was ich bei der Behandlung sehe oder höre oder auch außerhalb der Behandlung im Leben der Menschen, werde ich, soweit man es nicht ausplaudern darf, verschweigen und solches als ein Geheimnis betrachten.
Wenn ich nun diesen Eid erfülle und nicht verletze, möge mir im Leben und in der Kunst Erfolg zuteilwerden und Ruhm bei allen Menschen bis in ewige Zeiten; wenn ich ihn übertrete und meineidig werde, das Gegenteil.

Die Modernisierung des Hippokratischen Eides

Seit Beginn des 19.Jahrunderts wurde der Eid immer wieder verändert und angepasst. Zum einem, um dem vorherrschenden christlichen Weltbild besser zu entsprechen, aber weiters flossen auch politische Strömungen in die Veränderung des Eides ein. Beispielsweise lies die preußische Regierung 1810 einige Passagen des Eides streichen und ersetzte die Ergebenheit gegenüber den Gottheiten durch die Ergebenheit zum preußischen Staat. Später rückten immer mehr menschliche Moralvorstellungen anstelle der Verbindung zum Göttlichen in den Vordergrund.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgten weitere Modifizierungen. Unter anderem wurde die Passage, die Ärzten Schwangerschaftsabbrüche verbot, weggelassen und die Richtlinien für chirurgische Eingriffe verändert.

Genfer Deklaration

Letztendlich wurde aus dem Hippokratischen Eid im Jahre 1948 die vom Weltärztebund verkündete „Genfer Deklaration“, auf die Ärzte nun bei ihrem Berufsantritt schwören.

Der Wortlaut dieses zuletzt 2018 überarbeitet Schwures ist wie folgt:

„Als Mitglied der ärztlichen Profession gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen.
Die Gesundheit und das Wohlergehen meiner Patientin oder meines Patienten wird mein oberstes Anliegen sein.
Ich werde die Autonomie und die Würde meiner Patientin oder meines Patienten respektieren.
Ich werde den höchsten Respekt vor menschlichem Leben wahren.
Ich werde nicht zulassen, dass Erwägungen von Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaube, ethnische Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politische Zugehörigkeit, Rasse, sexuelle Orientierung, soziale Stellung oder jegliche andere Faktoren zwischen meine Pflichten und meine Patientin oder meinen Patienten treten.
Ich werde die mir anvertrauten Geheimnisse auch über den Tod der Patientin oder des Patienten hinaus wahren.
Ich werde meinen Beruf nach bestem Wissen und Gewissen, mit Würde und im Einklang mit guter medizinischer Praxis ausüben.
Ich werde die Ehre und die edlen Traditionen des ärztlichen Berufes fördern.
Ich werde meinen Lehrerinnen und Lehrern, meinen Kolleginnen und Kollegen und meinen Schülerinnen und Schülern die ihnen gebührende Achtung und Dankbarkeit erweisen.
Ich werde mein medizinisches Wissen zum Wohle der Patientin oder des Patienten und zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung teilen.
Ich werde auf meine eigene Gesundheit, mein Wohlergehen und meine Fähigkeiten achten, um eine Behandlung auf höchstem Niveau leisten zu können.
Ich werde, selbst unter Bedrohung, mein medizinisches Wissen nicht zur Verletzung von Menschenrechten und bürgerlichen Freiheiten anwenden.
Ich gelobe dies feierlich, aus freien Stücken und bei meiner Ehre.“

Während sich der Arztberuf im Wandel der Zeit stark verändert hat, hat sich auch das Verständnis der ethischen Grundlage des Berufes gewandelt. Fest steht jedoch, dass es sowohl damals als auch heute auf die Fähigkeiten und die innere Haltung jeder einzelnen in einem Heilberuf tätigen Person ankommt. 

So wie auch Hippokrates vor tausenden von Jahren feststellte:

„Ärzte gibt es viele im Titel, aber nur sehr wenige in Wirklichkeit.“

Hippokrates von Kos, 460 – etwa 377 v. Chr.

Weitere Quellen:

Fuchs (Hg.), Hippokrates. Sämmtliche Werke, 2 Bde., 1895-1897

https://peter-hug.ch/lexikon/asklepiaden

Hippokrates- Die Heilkunst https://www.reclam.de/data/media/978-3-15-019694-6.pdf

https://flexikon.doccheck.com/de/Hippokratischer_Eid

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