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Die „gute wissenschaftliche Praxis“ – und was von ihr geblieben ist

Virusforschung, Lockdown-Statistiken, Test-Entwicklungen, Medikamenten- und Impfforschung: In der aktuellen Lage wurde die Wissenschaft an vorderste Front gestellt und ihr wurde in kurzer Zeit einiges abverlangt. Vieles, das umgesetzt wurde, wird mit einem „Hören auf die Wissenschaft“ oder dem viel zitierten „Glauben an die Wissenschaft“ gerechtfertigt. Allerdings haben der Zeitdruck und verschiedene Einflüsse dazu geführt, dass die definierte „gute wissenschaftliche Praxis“ nicht immer erfüllt wurde. Ausgesetzte oder stark verkürzte Peer-Review Prozesse, geänderte Definitionen bis hin zu von Politikern gedrängte Veröffentlichungen und Einschränkung des wissenschaftlichen Disputs drängen die Frage auf: Ist das alles noch Wissenschaft und wenn ja, wie viel? 

Als dem Westen Anfang 2020, nach Verzögerungen durch das chinesische Regime (KPCh) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO), das Ausmaß der Verbreitung von Covid-19 bekannt wurde, war die Wissenschaft wie schon lange nicht mehr gefordert. 

Anfang Februar veröffentlichen Forscher des P4-Forschungszentrums in Wuhan, das als Expertenzentrum für Coronaviren gilt, noch das Genom des Virus. Allerdings wurde es wissenschaftlich bald still um das Labor in Wuhan, nachdem vermutet wurde, dass das Virus aus ebendiesem Labor entwischt sein könnte und nicht wie von der KPCh behauptet auf dem Wildtiermarkt ausgebrochen sei. 

Abgesehen von der Frage des Ursprungs des Virus hatte die Wissenschaft, als die Fälle weltweit immer mehr zunahmen, nun noch viel mehr dringende Punkte zu beantworten. Welche Symptome das Virus auslöse, wie ansteckend es sei, welche Behandlungsmöglichkeiten funktionieren würden, welche Medikamente man verwenden könnte, welche Schutzausrüstung notwendig sei, wie man diese auf ihre Qualität kontrollieren könne und welche Testmethoden zum Nachweis einer Infektion funktionieren würden, um nur einige der Punkte zu nennen. 

Während Wissenschaft vor allem im Gesundheitsbereich normalerweise ein langsamer Prozess ist, war nun Eile gefragt. Die Politik, die Medien und die Bevölkerung warteten auf jedes neue Ergebnis und mit steigenden Infektionsfällen nahm die Dringlichkeit zu. 

Wissenschaft unter Zeitdruck

Anfang 2020 war die Lage angespannt und das Wissen um das neuartige Virus begrenzt. Es wurde mehr Geld denn je in die Forschung investiert, viele Wissenschaftler weltweit begannen sich mit den Themen auseinanderzusetzen und Expertenkommissionen wurden zusammengerufen. 

Jedoch sind die Wissenschaft und die „gute wissenschaftliche Praxis“ nicht unbedingt darauf ausgelegt, sehr schnelle Ergebnisse zu liefern. 

Die Richtlinien der anerkannten „guten wissenschaftlichen Praxis“ sind auf Deutsch auf der Website der Österreichischen Agentur für wissenschaftliche Integrität festgehalten.

Im ersten Leitsatz heißt es: „Alle in der Forschung tätigen Personen sind zu wissenschaftlicher Integrität verpflichtet. Zur wissenschaftlichen Integrität gehört insbesondere eine transparente und aufrichtige Kommunikation mit anderen WissenschaftlerInnen sowie zwischen WissenschaftlerInnen und AuftraggeberInnen von Forschungsprojekten, eine hohe Verlässlichkeit bei der Durchführung gemeinsamer Forschungsvorhaben, unparteiliches Urteil und innere Unabhängigkeit, die Bereitschaft, sich fachlicher Kritik zu stellen und ihr argumentativ zu begegnen sowie der verantwortungsbewusste und faire Umgang insbesondere mit NachwuchswissenschaftlerInnen.“

Weiter heißt es, die Qualität der Wissenschaft zu gewährleisten, ist „prinzipiell Aufgabe der Wissenschaft selbst.“ Dies kommt daher, dass Arbeiten oft komplex und langwierig sind und daher schwer von jemand Außenstehenden kontrolliert werden können.

Wenn man die „gute wissenschaftliche Praxis“ mit Beispielen der „aktuellen Praxis“ vergleicht, kann man einige gravierende Unterschiede erkennen.

Aussetzung des Peer Reviews

Um möglichst viele Informationen in kurzer Zeit zu bekommen, wurde der Peer Review Prozess für Veröffentlichungen mit Themen zum Coronavirus ausgesetzt. 

Peer Review ist eine Kontrolle, die von unabhängigen Gutachtern aus dem gleichen Fachgebiet durchgeführt wird und der Qualitätssicherung von wissenschaftlichen Publikationen dient. Ohne Peer Review könnte jeder wissenschaftliche Daten sofort publizieren und diese wären ohne Kontrolle der Öffentlichkeit und den Medien zugänglich. 

Das Peer-Review-System, das normalerweise die besonders schlechten Artikel aussondert oder zumindest von den renommierten Zeitschriften fernhält, funktioniert in der Coronavirus-Krise nicht besonders gut, da aufgrund der drängenden Problematik oft auf nicht peer-reviewte Artikel in Preprint-Archiven wie medXriv oder bioXriv zurückgegriffen wird.“, heißt es in einem Bericht der Medizinischen Universität Münster.

Auch Virologe Prof. Drosten sagte zu diesem Thema Folgendes: 

„Es gibt Wissenschaftler, die sind interessiert an schnellen, gehuschten, oberflächlichen Papieren und schnellen Untersuchungen, die sich in möglichst hochrangigen wissenschaftlichen Journalen veröffentlichen lassen. Denen im Prinzip egal ist, was sie mit irreführender wissenschaftlicher Forschung anrichten, die nur noch zählen, wo sie eigentlich publizieren und wie viel Punkte sie dafür kriegen. Und das ist leider auch eine Fehlentwicklung in der akademischen Leistungsbewertung.“

Allerdings geriet auch Prof. Drosten selbst kurz darauf in Kritik. Seine Veröffentlichung, welche die Grundlage für die Anwendung von PCR-Tests bildete, soll ebenfalls nicht ausreichend geprüft worden sein. Die Studie wurde einem stark verkürzten Review Verfahren unterzogen. Andere Wissenschaftler kritisierten, dass die Studie innerhalb von 24 Stunden veröffentlicht wurde, Fehler im Studien-Design hätte und zudem Interessenskonflikte übersehen wurden. Ein Zusammenschluss aus 22 Wissenschaftlern forderte daraufhin, dass die Studie zurückgezogen werden sollte.

Im Durchschnitt dauert ein standardmäßiger Peer-Review in der Medizin 12 Wochen. In den meisten Fällen gibt es in den zwei Res-Runden Anmerkungen und Fragen von den anderen Experten, die verbessert und eingearbeitet werden müssen, bevor eine Veröffentlichung der Daten möglich ist. 

Während Prof. Drosten und sein Team die Studie noch zweimal nachbesserten, hatte die WHO den PCR-Test und die Richtlinien aus dem Paper bereits sofort nach der Erscheinung als Empfehlung übernommen. 

Die Wissenschaft steht unter dem Druck, schnell Ergebnisse zu liefern. (Bild: ThisisEngineering RAEngon Unsplash)

Wissenschaft unter Bedrängnis 

Laut der „guten wissenschaftlichen Praxis“ muss bei wissenschaftlicher Forschung „ein unparteiliches Urteil und innere Unabhängigkeit“ möglich sein. Während natürlich auch bei geförderten Forschungsprojekten ein gewisser Erfolgsdruck herrscht, ist es im Laufe der aktuellen Situation zu noch größeren Abweichungen gekommen. Ein Extrembeispiel dazu wurde vor Kurzem aus Deutschland bekannt. 

Geleakte Nachrichten deuten darauf hin, dass das deutsche Innenministerium unter Horst Seehofer im März 2020 Wissenschaftler von mehreren Forschungseinrichtungen unter Druck gesetzt haben soll, eine Veröffentlichung zu schreiben, um den harten Lockdown zu rechtfertigen. In der Veröffentlichung, die auf der Seite des deutschen Bundesministeriums gepostet wurde, wurden „Worst-Case-Szenarien“ berechnet, um die Notwendigkeit von strengen Maßnahmen zu unterstreichen. Die Wissenschaftler sollen laut Focus gedrängt worden sein, das Strategiepapier mit dem Titel “Wie wir Covid-19unter Kontrolle bekommen”innerhalb von vier Tagen anzufertigen. 

Die letzten Zuckungen der „guten wissenschaftlichen Praxis“

Bei genaueren Recherchen wurde der Fall noch kurioser: Einer der Hauptautoren des Papers, der laut Puls24 zentrale Teile davon geschrieben haben soll, war kein Wissenschaftler aus etwa dem Gesundheits- oder Statistikbereich, sondern ein österreichischer Germanistik-Doktorand. 

Laut Recherchen der Welt soll der 52-jährige Doktorand Otto Kolbl zudem auch die Bundesregierung in Sachen Pandemiebekämpfung beraten haben, obwohl er keinerlei akademischen Hintergrund in irgendeinem relevanten Gebiet für die Studie hatte. Ganz im Gegenteil, sein Dissertationsgebiet seit 2007 behandelt die „sozio-ökonomische Entwicklung in China und (vergleichend) in anderen Entwicklungsländern sowie über deren Darstellung in den westlichen Medien.“

Laut Welsprach er sich in Tweets und Stellungnahmen positiv über den Massenmörder Mao Zedong aus und auch für die aktuellen harten Lockdown-Maßnahmen des chinesischen Regimes. Eine weitere Veröffentlichung, die übersetzt „Von Wuhan lernen – es gibt keine Alternative zur Eindämmung von Covid-19” hieß, schrieb er in seiner Freizeit gemeinsam mit dem Politologen Maximilian Meyer von der Universität Bonn.

In der Veröffentlichung sprachen sich die beiden Autoren – ohne naturwissenschaftlicher oder medizinischer Ausbildung – zur Eindämmung des Coronavirus erneut für einen streng autoritären Ansatz nach dem Vorbild Chinas aus und warnten eindringlich vor einer Durchseuchungsstrategie. Nicht nur, dass beide Autoren ohne relevante Fachkompetenz Aussagen dazu machten, ist es interessant zu wissen, dass beide früher einen Lehrauftrag an einer chinesischen Universität hatten. 

Gegenüber der Welt am Sonntag verteidigte Otto Kölbl trotz allem seine Veröffentlichungen: “Ich bin auch der Meinung, dass alles, was dort steht, korrekt ist.“ 

Laut Puls24 wollte sich die deutsche Regierung hingegen nicht dazu äußern, was den Mao-Befürworter ohne abgeschlossenem Doktoratsstudium und ohne h-Index (ein internationales wissenschaftliches Bewertungskriterium) zum Corona-Experten qualifiziert habe.

Es ist anzunehmen, dass sich die „gute wissenschaftliche Praxis“ angesichts solcher Vorgehensweisen wohl gerade im Grabe umdreht. 

Veränderung von wissenschaftlichen Definitionen

Das vorab geschilderte war ein Extremfall und ist mit Auswirkungen vorrangig auf den deutschsprachigen Raum lokal begrenzt. Aber auch im weltweiten Umfang konnten auf der Homepage der WHO Abweichungen von der „guten wissenschaftlichen Praxis“ beobachtet werden. 

Während die aktuelle Situation verständlicherweise andere Gegebenheiten mit sich bringt als in der Standardforschung üblich, sind manche Schritte dennoch wissenschaftlich schwer zu rechtfertigen.

Ein Beispiel dafür war die Änderung von wissenschaftlich definierten Begriffen, wie beispielsweise „Herdenimmunität“.

Die WHO verwendete auf ihrer Homepage bis Juni 2020 die gängige Bezeichnung von Herdenimmunität: „Herdenimmunität ist der indirekte Schutz vor einer Infektionskrankheit, der eintritt, wenn eine Population entweder durch eine Impfung oder eine durch frühere Infektionen entwickelte Immunität immun ist.“

Im Dezember 2020 änderte die WHO jedoch die Definition zu: „Herdenimmunität, auch bekannt als Populationsimmunität, ist der indirekte Schutz vor einer Infektionskrankheit, der eintritt, wenn eine Bevölkerung entweder durch Impfung oder durch eine durch frühere Infektionen entwickelte Immunität immun ist. Die WHO befürwortet das Erreichen von Herdenimmunität durch Impfung und nicht dadurch, dass eine Krankheit in irgendeinem Segment der Bevölkerung verbreitet wird, da dies zu unnötigen Fällen und Todesfällen führen würde. Herdenimmunität gegen COVID-19 sollte erreicht werden, indem Menschen durch Impfung geschützt werden, nicht, indem sie dem Erreger der Krankheit ausgesetzt werden.“

Eine wissenschaftliche Studie, die dies begründete, wurde nicht angefügt. 

Diese Änderung wurde unter anderem von dem American Institute for Economic Research (AIER) kritisch betrachtet:”…die Weltgesundheitsorganisation – einst ruhmreich, weil sie hauptsächlich für die Ausrottung der Pocken verantwortlich war – hat plötzlich beschlossen, alles [Relevante] aus den Grundlagen der Zellbiologie zu streichen. Sie hat die Wissenschaft buchstäblich auf eine sowjetische Art und Weise verändert.”

Weiter schreibt der Wissenschaftsjournalist und Editorial Director des AIERJeffrey Tucker: „Tatsächlich ignoriert diese Änderung bei der WHO 100 Jahre medizinischer Fortschritte in der Virologie, Immunologie und Epidemiologie und macht sie sogar zunichte… Sie ist durch und durch unwissenschaftlich – und dient der Impfstoffindustrie genau auf die Art und Weise, wie die Verschwörungstheoretiker sagten, dass die WHO es tun würde.”

Natürlich werden in der Wissenschaft Definitionen von Zeit zu Zeit verändert und erweitert, allerdings meist nach einem längeren wissenschaftlichen Diskurs und ausreichend Studien. Schon Sokrates (469 v. Chr. -399 v. Chr.) sagte einst: 

„Der Beginn der Weisheit ist die Definition der Begriffe.“

Sokrates
„Ein Abend, an dem sich alle Anwesenden völlig einig sind, ist ein verlorener Abend.“ – Einstein (Bild: Taton Moïseon Unsplash)

Wissenschaft mit eingeschränktem Diskurs

Im ersten Leitsatz der „guten wissenschaftlichen Praxis“ wurde „die Bereitschaft, sich fachlicher Kritik zu stellen und ihr argumentativ zu begegnen“ klar definiert. Diskussionen, gegenseitiges Hinterfragen und Herausfordern gehören zum wissenschaftlichen Alltag. Nicht umsonst heißt es beim Rigorosum am Ende eines Doktorratsstudiums nicht Prüfung, sondern Disputation. Das heißt, der Doktorand muss in einem „wissenschaftlichen Streitgespräch“ seine Arbeit erfolgreich verteidigen, um den Doktortitel erhalten zu können. 

„Ein Abend, an dem sich alle Anwesenden völlig einig sind, ist ein verlorener Abend.“, brachte Einstein die Thematik der wissenschaftlichen Diskussion auf den Punkt.  

Während dies in der Wissenschaft als normal angesehen wird, waren wissenschaftliche Diskussionen in der aktuellen Lage nur bedingt erwünscht. Dies ist natürlich zum einen verständlich, da sich Menschen in einer beängstigenden und unkontrollierbaren Situation eine schnelle Lösung wünschen, bei der sich alle einig sind. Jedoch ist das generell nicht einfach und nicht etwas, das wissenschaftlich in kurzer Zeit möglich ist. Vor allem wenn noch viele Fragen offen sind und Studien aufgrund der kurzen Zeit und eingeschränkten Mitteln fehlen. 

„Wissenschaftler sollten niemals behaupten, dass etwas absolut wahr ist. Du solltest niemals Perfektion oder 100 Prozent beanspruchen, weil du nie dorthin gelangst“, sagte Jocelyn Bell Burnell, Professorin für Physik und Radioastronomie. 

Während der Ausbruch der Pandemie und die gesetzten Maßnahmen für die Menschen gefühlt bereits ewig dauern, sind eineinhalb Jahre wissenschaftlich gesprochen eine sehr kurze Zeit. Die Etablierung von Theorien dauert meist wesentlich länger und beispielsweise eine Zulassung von einem neuen Medikament oder Impfstoff unter „normalen“ Bedingungen dauert im Durchschnitt zwischen 8 bis 17 Jahre.

Ein bekanntes Beispiel des wissenschaftlichen Diskurses wurde aus Deutschland zwischen den beiden angesehenen Virologen Drosten und Streeck berichtet. Während beide international anerkannte Experten auf dem Gebiet der Virologie sind, ging ihre Vorstellung von der Immunisierung der Bevölkerung und den notwendigen Maßnahmen aufgrund der vorhandenen Datenlage weit auseinander. 

Verschiedene Medien berichteten immer wieder über „Streits“ der beiden Virologen, die schließlich beide von Kritikern und auf sozialen Netzwerken verbal attackiert wurden. 

Noch unwissenschaftlicher wurde es jedoch, als damit begonnen wurde, Wissenschaftler zu zensieren oder zu diskretisieren. Zum Beispiel Wissenschaftler, die sich kritisch zu den von der Politik umgesetzten Maßnahmen, dem Ursprung des Virus oder von Kommissionen durchgeführten Impfungen aussprachen – darunter Professor und ehemaliger Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, Sucharit Bhakdi, der Physiker und Nanowissenschaftler Prof. Roland Wiesendanger oder der Virologe und Impfexperte Dr. Geert Vanden Boschee.

Kürzlich wurden auch Berichte aus der Schweiz bekannt, wonach Experten, welche die Regierung beraten, ihre Meinung zur aktuellen Pandemie künftig nicht mehr öffentlich äußern dürfen – weder bei Interviews noch in den sozialen Netzwerken wie Twitter, Facebook oder Instagram.

Dieser Entscheidung sollen Meinungsverschiedenheiten unter den Politikern und Experten vorausgegangen sein. Es wird berichtet, dass sich Mitglieder des Gremiums skeptisch gegenüber den getroffenen politischen Entscheidungen zeigten oder dass sie sich mit Warnungen und Appellen an die Öffentlichkeit wandten.

Für die Wissenschaft ist es normal, in einer neuen Situation Zeit zu brauchen, um Daten zu generieren und darüber zu debattieren und weiterzuforschen. Bei vielen komplexen Themen werden sogar über lange Zeit hinweg keine eindeutigen Daten generiert und man muss sich vorerst mit der „gängigen Hypothese“ zufriedengeben. Bis diese etabliert sind, stehen Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten an der wissenschaftlichen Tagesordnung und sind auch gewünscht.

Wie Einstein, der sich seiner Zeit auch vielen wissenschaftlichen Diskussionen stellen musste, sagte: 

„Wenige sind imstande, von den Vorurteilen der Umgebung abweichende Meinungen gelassen auszusprechen. Die meisten sind sogar unfähig, überhaupt zu solchen Meinungen zu gelangen.“

Einstein

und

„Was ich erstrebe, ist einfach, mit meinen schwachen Kräften der Wahrheit und Gerechtigkeit zu dienen, auch auf die Gefahr hin, niemand zu gefallen.“

Einstein

„Die Wissenschaft“ ist die Summe ihrer Teilchen

In der aktuellen Situation ist die Wissenschaft stark in den Fokus gerückt und es wird mit dem Ausspruch „Glauben an die Wissenschaft“ um sich geworfen. Auch in diesem Artikel wurde „die Wissenschaft“ bisher meist als Personifizierung verwendet. Aber natürlich muss man sich fragen: Was – oder besser – „wer“ ist „die Wissenschaft“? 

Wernher von Braun, Physiker, Ingenieur und Wegbereiter der Raumfahrt, sagte: „Die Wissenschaft hat keine moralische Dimension. Sie ist wie ein Messer. Wenn man es einem Chirurgen und einem Mörder gibt, gebraucht es jeder auf seine Weise.“

Wie in allen Berufen und Organisationen ist auch „die Wissenschaft“ die Summe ihrer Teilchen – bestehend aus unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Charakteren, Zielen, Beweggründen und Moralvorstellungen. 

Prof. Pacchioni, Chemiker und Autor des Buches „Die Überproduktion der Wahrheit – Leidenschaft, Konkurrenzkampf und Integrität in der modernen Wissenschaft“ sagte in einem Interview mit DW auf die Frage, dass es zwar gute und schlechte Wissenschaft gäbe, aber ob dabei vergessen würde, dass Wissenschaftler auch nur Menschen seien:

„Das ist genau der Punkt: Wissenschaft ist eine menschliche Aktivität und es gibt einen ethischen Aspekt der Gesellschaft. Niemand brachte mir die ethischen Grundlagen der Wissenschaft bei, aber ich lernte sie, indem ich Menschen folgte, die sich strikt an ethische Prinzipien gehalten haben. Heute mit dem schnellen Wachstum der wissenschaftlichen Gesellschaft, beginnen diese ethischen Prinzipien zu verschwinden und das ist sehr kritisch.“

Natürlich leisteten in den letzten eineinhalb Jahren viele Wissenschaftler weltweit große Beiträge. Dies geschah unter großer Dringlichkeit, enormen Zeitdruck und während große Angst und Unsicherheit herrschten. Zusätzlich unter der Bedingung, dass die Bevölkerung, die Politik und die Medien involviert waren wie nie zuvor. Jedoch kann trotz vieler Errungenschaften nicht außer Acht gelassen werden, dass die „gute wissenschaftliche Praxis“, das geltende Qualitätskriterium, nicht immer eingehalten wurde. Die Frage, wie „wissenschaftlich“ viele Dinge sind, die mit „Wissenschaft“ argumentiert werden, werden zukünftige Forschungen zeigen. 

Da einige Kontrollmechanismen der „guten wissenschaftlichen Praxis“ unter Zeitdruck und Bedrängnis geschwächt wurden, ist in der aktuellen Situation umso mehr die Einstellung und die Moral von jedem einzelnen „Teilchen der Wissenschaft“ von Bedeutung.

So wie nochmal Einstein sagte:

„Viele Menschen denken, es sei der Intellekt, der einen großen Wissenschaftler ausmacht. Sie liegen falsch: Es ist der Charakter.“

Einstein

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