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Wegwerfgesellschaft nach Plan

Last updated on 15. September 2021

(Bild: iStock/517846958)

In der heutigen Zeit ist es normal geworden, dass man Glühbirnen, Strumpfhosen, Autos oder Handys nicht ein Leben lang besitzt und sie immer wieder erneuert. Dies liegt aber nicht etwa daran, dass diese Gegenstände nicht haltbarer produziert werden könnten. Vielmehr wird hier bewusst eine Wegwerfgesellschaft nach Plan gefördert. Beweise dafür zeigen sich in Entwicklungen und Strategien in den Jahren ab 1900 – denn bereits zu dieser Zeit hatte man Glühbirnen und Damenstrumpfhosen erfunden, die nicht kaputt gingen.

Dieses Jahr feiert die Glühbirne in der Feuerwache „Station 6“ in Livermore, San Francisco, ihr 120-jähriges „Leucht-Jubiläum“. Diese 60-Watt Glühbirne wurde in den 1890er-Jahren in Amerika produziert und leuchtet seit 1901 in der Feuerwache reibungslos. Mittlerweile kann man das „Centennial Light“, was übersetzt „hundertjähriges Licht“ bedeutet, mittels Live- Webcam beobachten. 

An Ironie kaum zu überbieten: Während die Glühbirne vor sich hin leuchtet, musste die in der heutigen Zeit produzierte Live-Webcam schon dreimal ausgetauscht werden. 

Maximal 1000 Betriebsstunden: Das Phoebuskartell

Für jeden, der schon öfters Glühbirnen bei sich zu Hause auswechseln musste, ergibt sich nun die Frage, warum dies eigentlich noch notwendig ist, wenn es bereits vor mehr als 100 Jahren Glühbirnen gab, die ein Leben lang funktionierten. 

Was wie eine Verschwörungstheorie klingt, scheint Antworten zu geben: In der Schweizer Hauptstadt Genf fand 1924 ein damals noch geheimes internationales Meeting von Vertretern der größten Glühbirnenhersteller dieser Zeit statt: Philips, Associated Electrical Industries, Compagnie des Lampes, ELIN, General Electric Company, Osram, Radium, Tungsram und TEPOC.

Heute ist dieses Treffen als Grundlage für das „Phoebuskartell“ bekannt. Dabei kam es zu Absprachen bezüglich Lebensdauer, Helligkeit und Stromverbrauch von Glühbirnen. Im Phoebuskartell hatte man sich auf eine Lebensdauer von 1000 Betriebsstunden geeinigt. 

Nach dem Treffen wurde die Forschung für eine erhöhte Brenndauer von Glühbirnen eingestellt und die zuvor produzierten Glühbirnen mit längerer Lebensdauer verschwanden von der Bildfläche. Wurden Glühbirnen mit längerer Lebensdauer verkauft, mussten Strafzahlungen an das Kartell getätigt werden. 

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges soll das Kartell offiziell aufgelöst worden sein, da die verbündeten Unternehmen auf verschiedenen Seiten im Krieg standen. Osram war eine deutsche Firma, ELIN österreichisch und TEPOC ein japanisches Unternehmen. Somit gehörten sie zu den Ländern der „Achsenmächte“, während die anderen Firmen in jenen Ländern waren, die zu den Alliierten gehörten. Manche sind aber auch der Meinung, dass das Kartell ungeachtet des Krieges bis in die 1990er-Jahre weiter Absprachen getätigt habe, welche erst durch verminderte Gewinnaussichten, durch neue Ansätze wie LED Technik und einem Umdenken im Umweltbewusstsein beendet worden seien. 

Langlebigkeit: Ein schlechtes Geschäftsmodell?

An vielen Beispielen zeigt sich, dass Langlebigkeit als Geschäftsmodell seine Nachteile hat. So zeigten etwa die noch verfügbaren Zahlen des deutschen Glühbirnenherstellers Osram große Einbußen zwischen 1924 und 1925. Während das Unternehmen im Jahr 1924 noch über 60 Millionen Glühbirnen verkaufte, waren es 1925 nur noch 28 Millionen. 

Ähnliches zeigte sich ungefähr zur gleichen Zeit bei Damenstrumpfhosen. Nachdem die synthetisch hergestellte Faser Nylon die traditionelle Seide ersetzte, waren Strumpfhosen so stabil wie nie und Laufmaschen schienen Geschichte zu sein. 

Als den Firmenbesitzern von DuPont, dem Konzern, der das Nylon entwickelt und die Strumpfhosen auf den Markt gebracht hatte, klar wurde, dass die Frauen so viel weniger neue Strumpfhosen kaufen, wiesen sie die Chemiker an, das synthetisierte Nylon zu „verschlechtern“. Man einigte sich schließlich auf etwas, das zwar stabiler als Seide war, aber nicht so stabil, dass es bei mehrmaligem Waschen keine Laufmaschen mehr gab. 

Apple: Schneller, höher… noch kürzer? 

Im Jahr 2003 kam „iPod´s Dirty Secret“ ans Licht. Unter diesem Namen wurde eine Videoaufnahme des Amerikaners Casey Neistet bekannt. Er hatte Probleme mit der Batterie eines iPods, den er eineinhalb Jahre zuvor gekauft hatte. Bei der Reparatur wurde ihm gesagt, dass es normal sei, dass der Akku nach 18 Monaten kaputt werden würde. Apple würde die Kosten für den Austausch nicht übernehmen.

Casey Neistet verbreitete die Aufnahme. Eine diesbezügliche Klage gegen Apple endete aber schließlich außergerichtlich und Casey Neistet wurde zu einem der berühmtesten Youtuber unserer Zeit.

Eine neue Strategie: Hauptsache das Neueste

Nach der Klage scheint Apple die Strategie geändert zu haben. Neue Produkte werden exzessiv beworben und zu einem Lifestyle-Produkt erhoben. Daher sind Kunden bereit, sich beispielsweise das neueste iPhone zu kaufen, obwohl der Vorgänger noch funktioniert und keine großen technischen Neuerungen stattgefunden haben.

Diesem Beispiel sind andere Marken gefolgt. Mittlerweile sind Handys aller Art zu einem Lifestyle-Produkt geworden und Smartphones werden aktuell im Durchschnitt nach zwei Jahren ausgetauscht. Im Vergleich dazu besaß die Vorgeneration in den 90er-Jahren ihr Nokia-Handy noch bis zu 10 Jahre. 

Die Strategie „Hauptsache das Neueste“ oder mit der „Mode zu gehen“, hat sich mittlerweile auf viele Bereiche des Lebens ausgeweitet wie Kleidung, Autos oder Computer.

Philosophische Frage: The man in the white suit

Während mittlerweile der Gewinn Einzelner in den Vordergrund gerückt ist, sei es zu Kosten der Umwelt und der Kunden, wurde diese Entwicklung Anfang der 1900er-Jahre auch noch von der Angst vor Arbeitsverlust begleitet. 

Durch immer mehr neue technische Erfindungen war die Angst vor Arbeitsverlust in der Bevölkerung groß. Als während der Weltwirtschaftskrise oder der großen Depression immer mehr Menschen arbeitslos wurden, diskutierte man die Frage erstmals öffentlich: Sollten produzierte Dinge eine gesetzliche Lebensdauer haben? 

Der Immobilienmakler Bernard London veröffentlichte 1932 eine These zur „geplanten Obsoleszenz“ als Weg aus der großen Depression. Dabei schlug er vor, dass Gegenstände eine vom Staat festgelegte Lebensdauer haben sollten, die je nach Bedürfnissen der Arbeitssuchenden angepasst werden könnte. 

Diese fast schon philosophische Frage wurde in dem 1951 erschienen Film: „The man in the white suit“ aufgearbeitet. 

In dem Film geht es um einen Wissenschaftler, der den „perfekten Anzug“ entwickelt. Dieser hält ein Leben lang und besteht aus Fasern, die nicht schmutzig werden können. Daher muss er auch nicht gewaschen werden. Während am Anfang alle von seiner Erfindung begeistert sind, wendet sich bald das Blatt. 

Firmenbesitzer und Mitarbeiter sorgen sich, dass alle mit der Zeit ihre Arbeit verlieren würden, sollten alle Menschen nur noch einen Anzug in ihrem Leben benötigen.

In einer Szene fragt eine alte Frau, die ihr Leben lang Wäscherin war, den jungen Chemiker, was nun aus ihr werden sollte, wenn jeder Kleidung hätte, die nicht mehr schmutzig werden könnte? Schließlich fragt sie verzweifelt: „Warum könnt ihr Wissenschaftler Dinge nicht in Ruhe lassen?“

Auch Wollproduzenten, Faserhersteller, Wäscher und Näherinnen schließen sich dem Unmut über die Erfindung an. Schließlich schlägt die Sorge in Angst und Hass um. Gemeinsam beginnen sie den Wissenschaftler zu attackieren, zerstören schließlich die Erfindung und jagen ihn davon. 

Wegwerfgesellschaft nach Plan

Während viele Menschen nach der industriellen Revolution Angst um ihre Arbeit und somit Existenz hatten, entwickelte sich die aktuelle Gesellschaft zu einer gigantischen Wegwerfgesellschaft.

Kleidungsstücke werden nur ein paarmal getragen und weggeworfen, wenn sie aus der Mode sind. Menschen stehen in der Schlange, um das neuste Handy zu erhalten und ihr erst zwei Jahre altes Mobiltelefon zu ersetzen, nicht abbaubare Plastikverpackungen werden für Dinge verwendet, die gar keine Verpackung brauchen. 

Viele dieser Dinge werden enorm beworben wie die neuste Mode oder das neuste Handy. Oftmals sind die neuen Produkte aber nur anders, gar nicht mehr wirklich besser als die Vorgängermodelle. 

Die EU hat für 2021 nun neue Richtlinien herausgegeben. Darin ist festgehalten, dass Hersteller von Handys oder Computer auf bessere Reparaturmöglichkeiten der Geräte achten sollen. 

Dies ist aber nur ein Teil des Problems. Hinzu kommt, dass Prozesse durch die Globalisierung oft in Länder mit billigen Produktionsmöglichkeiten ausgelagert werden, was durch die Richtlinien nicht beeinflusst wird. 

Die billigen Preise, die durch menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und/oder schlechte Produktqualität erzielt werden, fördern die Wegwerfgesellschaft noch weiter und reduzieren die Nachhaltigkeit. 

Erich Graf, Leiter im Vertrieb Eurotoner, eines der wenigen Unternehmen, das seine leeren Druckpatronen in Österreich selbst zur Wiederverwendung befüllt, sagte zu dem Thema:

„Österreichisches Leergut wird heute nach China transportiert, dort wieder aufbereitet und von dort zurück auf den österreichischen Markt gebracht. Da brauch ich nicht mehr nachdenken über Nachhaltigkeit.“

Weitere Quellen: 

https://spectrum.ieee.org/tech-history/dawn-of-electronics/the-great-lightbulb-conspiracy

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